Die Heilerin

XX Julii MMVIII

Gestern abend hatte die Königin wieder einmal zum Ball geladen. Frohgemut schmückte ich mich mit erlesenem Schmuck und legte meine seidenen Gewänder an und bald schon trug mich meine Barke gen Elbenland. Dort angekommen gewahrte ich eine noch nicht allzu große Zahl an Gästen, die sich jedoch im Fortgang des Abends rasch vergrößerte. Leider war die Königin wie so oft bereits in einem Tanz engagiert und konnte deshalb ihre Gäste nicht begrüßen. Ich schlenderte ein wenig am Rand der Tanzfläche entlang, konnte aber keine Holde ausmachen, die zu engagieren es mich gelüstet oder aus Höflichkeit gedrängt hätte.

Ich verließ also den Saal wieder, nahm im Freien Platz und wurde ein wenig von einer Art Kobold umschlichen, der sich aber bald dem Trunke ergab und sich mehr oder weniger freiwillig auf dem Boden schlafen legte. Im dem Augenblick verließ eine bezaubernde Dame den Ballsaal, um offensichtlich wieder nach Hause zu streben. Da ich sie im Ballsaal stehen gesehen hatte, war mir bewusst, dass sie vergeblich auf einen Tänzer gewartet hatte.

Ich sprach sie also an, da ich ein wenig Mitleid mit ihr hatte und schließlich mir ebenso verloren vorkam wie sie wohl, und sie stellte sich als die Heilerin Tini vor, von der mir andere schon berichtet hatten. Sie klagte darüber, dass sie sehr häufig übersehen werde, wenn es gelte, einen Tanzpartner zu finden, und ich versuchte sie zu beruhigen und wies sie auf ihre makellose Schönheit hin, die es Männern schwermachen könnte, sie anzusprechen. Dabei übertrieb ich nicht; ihre ebenmäßigen Gesichtszüge waren von leicht getönter Farbe, wie man sie bei Menschen antrifft, die häufig im Freien sind; ihre nachtdunklen Haare waren züchtig zusammengebunden und mit weißen Schmucksteinen verziert; ihr schwarzes Kleid war von erlesenstem Brokat, dabei unprätentiös und auf eine hochfeine Weise schlicht und natürlich, so dass ihre Trägerin nur um so anmutiger zur Geltung kam.

Es gelang mir, sie zu mir einzuladen und sie schlug nicht einmal einen Tanz aus, den wir schon vor Stunden hätten zusammen haben können. Sie schien dennoch zu leiden, und meine Versuche, ihr ihre eigene Art vor Augen zu führen, die sie möglicherweise in genau diejenigen Unannehmlichkeiten brachten, die sie beklagte, waren denkbar ungeeignet sie nachdenklich zu stimmen, sondern lösten großen Ärger aus. Beinahe hätte sie mich verlassen, aber irgendwie schien sie das Zusammensein doch zu genießen, und wir tanzten weiter. Bald gemahnte mich ein Blick auf die Sterne, den Abschied einzuleiten, was sie auch willig annahm. Ich sprach das Benedicat über sie, wie es meinem Stand angemessen ist, und sie befahl mich mit einem geheimnisvollen Lächeln dem Schutze der Engel. Kurz nachdem sie gegangen war, war es mir, als rauschten draußen Flügel, aber es war Nacht und alles mögliche Getier ist dann im Schutz der Dunkelheit unterwegs.

Ob ich sie wiedersehen werde? Ich weiß es nicht. Anfangs sprachen wir sehr einfühlsam miteinander, aber am Ende war sie sehr ruhig und vielleicht mit anderen Gedanken beschäftigt.

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