Idun erscheint
XXI Julii MMVIII
Heute hatte ich mich erneut mit der alten germanischen Religion befasst, besonders mit den Schriften Caesars und des Heiligen Bonifaz, die die alten Mythen beschreiben. Auslöser war der Rabe, den die Händlerin Masajo stets bei sich führte und den sie mir als Munin vorstellte. Offenbar ist sie der Auffassung, dieser Rabe sei Auge und Ohr Odins, wie es die heidnischen Vorstellungen der Kelten und Germanen wissen wollen.
Als ich noch so über den Büchern saß und mich meinen Tagräumen hingab, flatterte es vor meinem Fenster und es dauerte nicht lange, da saß ein solcher Rabe auf dem Sims. Nun sind Vögel in dieser Gegend nicht ungewöhnlich, aber dieser Vogel räusperte sich und betrachtete mich mit schief gelegtem Kopf, dass ich unwillkürlich auflachte und ihn mir als Menschen vorstellte. Und ich glaube nicht richtig zu hören, als dieser Rabe anhub zu reden und mich mit einer Frauenstimme ansprach. „He Du“, krächzte es frech, „hast Du Katzen?“ – Ob dieser direkten und vertraulichen Ansprache völlig verblüfft, stotterte ich: „Nein, keine Verwendung.“ Die Rabin hüpfte näher und sah sich neugierig um. „Bist Du reich?“, kam die nächste völlig unverblümte Frage, und wieder konnte ich nicht anders als zu antworten: „Arm bin ich nicht, und für ein wenig Luxus reicht es auch.“ – „Das ist gut, sehr gut“, krächzte die Rabin erneut. „Dann könnt Ihr sicher gut für einen Vogel sorgen. Ich werde hier bleiben.“
Sprach’s und flatterte frech ins Zimmer vor meinen Arbeitstisch, kam aber gleich wieder auf den Tisch gehüpft und trug eine Schreibfeder im Schnabel, die mir wohl hinuntergefallen war und die ich schon vermisst hatte. Sie legte die Feder artig vor mir ab und hüpfte ein wenig weg, um mich erneut zu betrachten. „Danke“, sagte ich, erneut überrascht und allmählich Gefallen an dem Vogel findend. „Du bist ja richtig nützlich.“ – „Du wirst mich brauchen können, und übrigens heiße ich Idun. Lies ruhig in Deinen Büchern nach, vielleicht findest Du was über meinen Namen.“ – Das verwirrte mich noch weiter, ich wollte mir aber nichts anmerken lassen und brummte deshalb nur: „Das wird sich zeigen. Bleib ruhig in der Nähe, ein wenig Gesellschaft kann ich wohl brauchen.“ Der Vogel flatterte ein wenig, verneigte sich höflich und begann dann majestätisch auf meinem Tisch auf und ab zu spazieren, bis ihn draußen die süßen Trauben anzogen.
An diesem Tag begann eine eigentümliche Beziehung, über die noch weiter zu berichten sein wird.