Es kam, wie es kommen musste. Es war vorauszusehen, aber zu lange hatte ich die Augen davor verschlossen. Schon vor Monaten waren Confratres aus Aragon nach Carima gekommen, um mich zu suchen, aber vor denen konnte ich mich noch verbergen. Aber dann hatte seine Eminenz eine Späherin geschickt, aus Avalon, nicht dumm, sie kannte mich noch aus meiner Jugend, sie kannte meine Gewohnheiten und meine Neigungen.
Vermummt schlich sie nachts zu mir, kaum zu erkennen, und als ich sie wahrnahm, gab es kein Entrinnen mehr. Ob es Bärtram genauso ergangen war? Aragon hatte nach Rom gemeldet, dass ich verschollen sei und meinem Auftrag nicht mehr nachkommen würde. Statt dessen würde ich schönen Frauen den Hof machen und mich in eine obskure Magiergilde einschleichen. Man hatte nicht viel Verständnis für meine Eskapaden, und seine Eminenz war vor allem deshalb so ungehalten, weil ich keinen Fortschritt hinsichtlich meines Auftrags zu vermelden hatte.
Die geheime Gesandte setzte mir das Messer auf die Brust. Da man mich sogar im trauten Gespräch mit angeblichen Hexen gesehen hatte, müsse ich jetzt eine Entscheidung treffen: Entweder die Brücken nach Rom und Aragon endgültig abbrechen und Vollmitglied der ehrenwerten Gesellschaft von Carima werden – hier würde der Vatikan wegen des Konkordates mit der Königin nicht mehr einzugreifen wagen – oder nach Rom kommen, Buße tun und als Strafe – wenn sie denn milde ausfiele – vermutlich viele Jahre als Archivar in den Kellergewölben des päpstlichen Appellationsgerichts zubringen.
Nächtelang wälzte ich mich auf hartem Lager, um eine Entscheidung zu treffen. Könnte ich den mutigen Merlin, die entzückende Emily, den tüchtigen Tulkas, die drollige Domini zurücklassen? Soll ich meine Aufgabe verraten, meine Herkunft, meine Bestimmung? Eine Entscheidung musste fallen, ständig bedrängte mich die heimliche, unheimliche Gesandte …
Nachts fiel die Entscheidung, am frühen Morgen ward sie in die Tat umgesetzt. Rasch waren die Habseligkeiten verstaut, die Spuren beseitigt, die Kontakte getilgt … und los ging es auf geheimen Pfaden in die weit entlegenen Berge. Dort wo der Sonnenstrahl klarer und reiner scheint als anderswo, wo der wilde Efeu die Hänge ziert und die Raben ihre Nester bauen – dort ließ ich mich nieder, um mit mir ins Reine zu kommen, die Verfolger abzuschütteln und der Natur ganz nahe zu sein.
„Werd wie ein Kind,
werd taub, werd blind!
Dein eignes Ich
muss lassen sich.
Was ist, was nicht, – lass
fahren nur!
Lass Raum, lass Zeit,
auch Bilder meid!
Geh ohne Weg
den schmalen Steg:
so findest Du der Wüste Spur. „
Mit diesem Rat Meister Eckharts lege ich die Zeit ab und werde frei, frei für das Ganze.
„O Seele mein,
geh aus, Gott ein!
Sink all mein Ichts
in Gottes Nichts,
sink in die grundlos tiefe Flut!
Flieh’ ich vor Dir:
Du kommst zu mir.
Verlier’ ich mich,
so find’ ich Dich -
o überwesenhaftes Gut!“



