Primae Augusti MMVIII
Domine, labia mea aperies, et os meum annuntiabit laudem tuam. Amen.
Tini, die Heilerin. Sie heilte viele, sie heilte gut. Doch die Zeiten sind ungewiss geworden. Derzeit benötigt sie selbst Heilung. Sie muss wieder heil werden, sie muss sich zusammenfinden, sie muss wieder voll sie selbst werden. Ein schweres Schicksal lastet auf ihr, und nur ahnen kann ich, was vorgeht und nötig ist.
Ein Engel war mir im Traum erschienen, er sah so weiß und rein aus wie der Engel, der die Satanin besiegt hatte, er litt und hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Ein schwarzer Schwan erschien im Traum, ihn zu stützen, doch er brauchte nicht den Schwan, sondern die Heilerin, mit dem ihn etwas verbindet, was über diese Welt hinausführt. Warum saß am nächsten Tag ein schwarzer Schwan in meinem Garten?
Tags zuvor war dieser weiße Engel auf Woods erschienen, Lady Aliena hatte mit ihm gesprochen, nichts ahnend, von Tini war die Rede, von einer toten Tini, der Engel erschauerte und auch ich konnte es nicht fassen.
Wieder diese Traumbilder. Wo ist Tini, tot oder lebendig, der Engel braucht sie, er scheint ein Zwischenwesen zu sein, so eines wie diese sinnlichen Geister, die man verharmlosend als Putten in den Kirchen zeigt, dargestellt wie kleine Kinder, um die Angst zu verdrängen, die einen befällt, wenn Geister in dieser Welt Gestalt annehmen.
Ich schicke Idun aus, weit zieht sie ihre Kreise über Carima, Woods, Elwyne, Harbour, in jede Ecke späht sie, aber sie kommt unverrichteter Dinge zurück. Nora und Vegoth schneidern ihre hübschen Kleider, Arima zieht ihre bunten Sachen an, neues Volk trifft sich an der Schänke – aber nirgendwo ist Tini zu erblicken. Liegt sie tot am Meeresgrund, haben Geier sie zerfressen, haben sich Werwölfe über sie hergemacht?
Endlich, die wackere Masajo, und Munin, ihr unerschrockener Begleiter. Es drängt mich, sie zu sprechen in persönlichen Dingen, aber die Vorgänge um Tini dulden keinen Aufschub. Sie ist sofort bereit mich zu begleiten auf meiner Suche, die treue Masajo, Gott schütze sie. Vorbei an der Schänke, bei der ich – und nur ich allein – ein gehörntes, geflügeltes Wesen wahrnehme, ein Menetekel vielleicht, weiter geht es zum Haus der Heilerin, hinan zur Kirche, und hinüber zum Wasserfall, an dem sie gerne sitzt. Das Wasserbecken ist leer und der heimelige Raum mit dem warmen Fell auch.

Tini gerettet
Ratlos stehen wir herum, da fällt mir die Bärenfratze an der Wand auf, welche die Rückseite der Höhle bildet, als wolle sie böse Geister am Eindringen hindern. Am Eindringen … ich lehne mich unwillkürlich gegen die Wand und schon weicht sie zurück und gibt den Blick frei auf einen Pfad und dort, nur wenige Atemzüge entfernt, im Dunkel, in der Kälte, in der Nacht des Todes – liegt sie. Wir haben Tini gefunden, kein Zweifel, bedrückt und voller Aufregung schaffen wir sie gemeinsam auf das Bärenfell, sie liegt wie tot, und ich beginne schon, die Worte des Abschieds über sie zu sprechen: Staub bist Du, und zum Staube wirst Du zurückkehren, der Herr aber wird Dich auferwecken am jüngsten Tage.
Da keimt Hoffnung auf. Der Herr aber wird Dich auferwecken… In unseren verzweifelten Bemühungen, Leben in ihr zu finden, beginnen wir, Tinis Leib mit Fichtennadelöl einzureiben, einem kräftigen Elixir versetzt mit Menthol und mit Schleim von den unsterblichen Waldgeistern, Masajo übernimmt das, geschickten arbeiten ihre Finger, zu grob könnten meine Hände sein oder zu abgelenkt von den verlockenden Rundungen, an denen die Heilerin nicht arm ist. Der Herr aber wird Dich auferwecken …
Meine besorgte Gefährtin findet Bissspuren von Schlangen, aber nicht von der giftigen Otter oder der tödlichen Natter, sondern nur von der Schleiche, so dass mir kommt, es könnte ein Zauber sein, der die arme Tini ins Jenseits geschickt hat … doch wo ein Zauber dies bewirkt, kann ein Zauber dies auch aufheben, sofern sie Charon noch nicht das Fährgeld bezahlt hat für die Fahrt über den Styx, der Herr aber wird Dich auferwecken …
Ich beginne das Egressus sum und den Psalm der Tiefe zu beten, spreche auch den mächtigen Spruch, mit der mein Großvater Mithrigil meinen Vater aus dem Totenreich zurückholen wollte, allein, dieser hatte dem Irdischen schon entsagt, um andere zu retten, und schicke meine ganze Vis vivendi in diese Sterbliche, spüre meine Kräfte entweichen, aber dies ist gut, dies ist sehr gut, denn so weiß ich, dass sie ankommen, diese Kräfte, und dass sie eine Antwort finden in der Zwischenwelt, auch wenn es mich selbst langsam hinüberzieht in dieses Schweben zwischen Tag und Tod, in diese Leichtigkeit des Vergessens, in das mächtige Nichtempfinden, das so friedlich wirkt, der Herr aber wird Dich auferwecken …
Auch Masajo beginnt Silben zu murmeln, ich höre geheime Worte des Nordens, und sie scheint über gewisse Essenzen zu verfügen, die den Lebensgeist rufen können, mit Hilfe Iduns, der Göttin der Unsterblichkeit.
Ein Stöhnen entringt sich dem Mund der Heilerin, Tränen beginnen zu laufen, Leben kehrt zurück in diesen geschundenen Leib, wir stützen sie, wir richten sie auf, sprechen sie an, langsam, unendlich langsam kehrt ihre Seele zurück, der Herr erweckt sie ins Leben, verworren erst, dann immer klarer kann sie berichten. In die Tiefe gestürzt war sie, in das unermessliche Grauen, wo Dämonen und Schlangen sie erwarteten, sie quälten und schwächten, bis sie schon das Große Licht kommen sah, das einen mitnimmt in die Zwischenwelt und noch weiter, zu den Aposteln und Heiligen, aber dann, dann sah sie den Engel, und der Engel war gut, der Engel war die Liebe, der Engel reichte ihr die Hand, und nach dem Engel erschienen meine Gefährtin und ich. Ich murmelte etwas von dem guten Geist, der sie offensichtlich nicht verloren gibt, und von dem großen Plan, der noch etwas für sie bereithält, doch wohl war mir bei diesen Sprüchen nicht, denn nicht verstehen konnte ich den Sinn all dieser Geschehnisse.
Tini und der Engel … was ist das für eine Beziehung? Ist der Engel ihr spezieller Paraklet, oder ist sie selbst ein Wesen der Zwischenwelt, eine Abspaltung in diese Welt hinein, eine Ausstülpung des Guten, theos ekenosen, wie es der Kosmos bei machtvollen Werken des Teufels erwirkt, um das Gleichgewicht wieder herzustellen? Eine Abspaltung, die aber nur schwer rückgängig zu machen ist, ewig irren diese Halbwesen durch die Welt auf der Suche nach ihrem überirdischen Teil, der sich dann oft selbst vergeistigt, ganzheitliche Gestalt annimmt, wie es im apokryphen Petrus-Evangelium heißt, und dann selbst auf der Suche ist nach dem fehlenden Teil.
Ich muss mit dem Engel sprechen, er scheint zu reden, und dieser muss Tini finden, denn die beiden scheinen sich zu brauchen, sie sind zwei Halbwesen oder es ist einfach eine Art übersinnlicher Liebe, die wir Irdischen nicht, noch nicht, verstehen.
Wir lassen Tini zurück, sie hat sich beruhigt, sie kommt zu Kräften, sie schläft erschöpft, aber selig ein, ich habe sie noch bekreuzigt und ihr verstohlen einen Kuss auf die Stirn gedrückt, wir treten hinaus in die warme Nacht, wo hell das Kreuz des Südens leuchtet, atmen erleichtert die frische Luft und kehren nachdenklich in die Stadt zurück. Masajo ist an meiner Seite und alles ist gut.
Carima, Du Land der großen Geschehnisse, lass uns nicht versagen in der Stunde der Prüfung, bleib uns treu und führe uns immer wieder ans Licht per Filium Tuum Iesum Christum Dominum Nostrum. Amen.