October 18
Das Grauen! Hier ist es wieder: das Grauen! Wie ein kalter Nebel zieht es durch Woods, wie ein eisiger Strom durch Sealand, wie ein frostiger Wind über Valley. Das Böse erwacht wieder, unermessliche Gefahr droht, die Apokalypse ist nahe. Aber vielleicht ist es nur ein Alptraum, vielleicht schrecken manche nur auf, geplagt von finsteren Erinnerungen, und denken sich das harmlose Flüstern des Laubes als Schritte des Bösen.
Aber der Reihe nach: Heute sprach beim Staatsanwalt vor die Bürgerin Dariah, von Berufs wegen Amazonin und Hüterin des Gesetzes. Was sie berichtete, wurde kurz darauf von ihrer Vorgesetzten, Lady Dilara, bestätigt. Gemeldet wurde der Fund eines ominösen Schreibens, in dem ein Wesen namens Hydra die Führerschaft über die Jäger der Nacht anmeldet. Hier ist eine Ablichtung dieses Schreibens.
Dieses Schreiben sei auf Woods gefunden worden. Ferner wurde berichtet, dass ein Buch in der Amtsstube verunstaltet worden sei, offfensichtlich das Grundbuch, in dem die Bewohner handschriftliche Einträge zu ihren Besitztümern anfertigen. Nach Mutmaßung der Leitenden Amazonin sei eine Buchseite enfernt worden, und zwar jene, die die Handschrift des gefundenen Schreibens aufweise. Damit solle verhindert werden, dass jemand die Handschrift erkenne und die Person, die offensichtlich den Gestaltwandel zu einem schrecklichen Wesen beherrsche, identifiziere. Als Verdächtige für diese Beschädigung des Bandes wurde Grafin Susi benannt. Ferner sei die Kopie des oben genannten Schreibens entwendet worden, das die leitende Amazonin dort deponiert habe.
Aufgrund dieser Befunde und dem Appell der Amazonendirektorin, die Sache als besonders dringlich zu behandeln, sandte ich Kopien des Schreibens an die leitenden Geschäftsführer der wichtigsten bewaffneten Gruppen des Landes mit der Bitte um erhöhte Wachsamkeit. Ferner lud ich Gräfin Susi zur Anhörung vor. Aufgrund der besonderen Bedeutung dieses Falles könnte hier sogar eine hochnotpeinliche Befragung indiziert sein. Ich werde über die weiteren Vorgänge berichten.
Anmerkung: Die Hydra war in der Antike eine neunköpfige Schlange mit einem unsterblichen Kopf und acht, die nachwuchsen, wenn man sie abschlug. Hercules zerschlug deshalb die acht Köpfe und brannte die Hälse aus (siehe Zeichnung). Auch den neunten schlug er letztlich ab. Wenn es sich um eine Ausgeburt der Hölle handelt, also um einen untoten Wiedergänger, wäre neben Gewalt auch der Einsatz von Magie möglich, mit der die Verbindung zur Unterwelt unterbrochen wird und das Wesen normal sterblich wird.
Oktober 19
Anhörung Ihrer Durchlaucht Gräfin Susi zum Vorwurf des Eindringens in die Amtsstube und Entwendens von Schriftstücken.
(1) Die Angeschuldigte räumt ein, am besagten Termin (Donnerstag nacht) im Rathaus gewesen und die Amtsstube betreten zu haben. Sie räumt auch ein, Akten aus dem Aktenschrank herausgenommen und betrachtet zu haben. Sir Robert sei in der Nähe gewesen und könne sachdienliche Angaben machen.
(2) Eine Schriftprobe der Gräfin mit den Worten „Hydra“, „Kampf“ und „Führer“ ergibt keine Übereinstimmung mit dem Schreiben der angeblichen Hydra.
(3) Der Gräfin wurde zur Förderung eines Geständnis die Maßnahmen der Tortur beschrieben. Eine erschreckende Wirkung konnte erreicht werden, ein Geständnis nicht.
Disputatio: Aufgrund der mangelnden Übereinstimmung von Schriftprobe und Hydra-Brief liegt kein dringender Tatverdacht vor, dass von der Gräfin höchstselbst eine massive Bedrohung ausgeht. Es ist auch unwahrscheinlich, dass die Gräfin ein Beispiel der eigenen Schrift aus den Akten entwendet haben soll, da ihre Schrift nicht unter Verdacht steht. Im Raum steht also nur noch der Verdacht der Entwendung der Kopie eines Schreibens unklarer Bedeutung. Dies kann aus einfacher Neugier oder aus bedeutenderen Motiven geschehen sein. Eine Aufklärung der Gründe wird ohne massiven Mitteleinsatz nicht zu erbringen sein. Es kommen auch viele andere Personen als Diebe in Frage. Ein Beweis zu Lasten der Gräfin wird kaum zu führen sein. Außerdem ist der Schaden gering: Die Kopie an sich ist nicht viel wert.
Consecutio: Anhörung von Sir Robert; Unter-Verschluss-Nahme der betreffenden Akte; weitere Befragung der Gräfin nur bei dramatischeren Vorkommnissen.







